Dienstag, 9. Juni 2015

Eine Zuggeschichte

Letzten Freitag fuhr ich mit dem Zug nach Hause. (Ich bin Studentin, und mein Heimatort liegt von meinem Studienort ca. 1 1/2 Stunden Zugfahrt entfernt).

Ich bin mir noch immer uneinig, ob ich das Zugfahren mag. Zu kalt, zu heiß, zu laut, zu viele Menschen - am Sonntag, bei der Rückreise, traf vieles davon zu.
Am Freitag jedoch hatte ich Glück und fand ein Abteil mit angenehmen Sitznachbarinnen. Als ich stehen blieb und kurz überlegte, dann aber hörte dass die beiden Englisch sprachen, schlug das Anglistinnenherz in mir höher, und ich zögerte nicht lange und setzte mich hinein.

Ich weiß nicht wie's euch geht, aber wenn mich Leute interessieren, kann ich schwer umher als sie nicht ein wenig zu "belauschen". Da bekomm ich trotz Ipod und Unilektüre so einiges mit. In dem Fall war die eine für einen kürzeren Besuch da, die andere wollte ein Jahr oder länger bleiben. Die beiden Amerikanerinnen hielten einen Reiseführer in der Hand und tauschten sich darüber aus.

In solchen Situationen kitzelt es mich immer, und ich würd mich nur allzugern ins Gespräch einmischen. Oft siegt dann das stille Mäuschen in mir, und ich halt meinen Mund; aber zu gern würd ich wissen: Wo kommen die beiden her? Was haben sie vor? Was halten sie von Österreich? Ich glaub dass ist auch was, das mich ausmacht: ein kommunikativer Mensch (wenn ich meine anfängliche Schüchternheit überwunden hab), und wahnsinnig interessiert an anderen Kulturen, Lebensweisen, Menschen.

Gleichzeitig interessierte mich, was sie über mich dachten: da sitzt ein junges Mädl und liest ein englisches Buch über Gottesrede und Gottesmetaphern (meine derzeitige Seminararbeit die mich quält). Finden die das komisch?! Okay?!

Ich schwieg aber weiter und schnappte das ein oder andere Wort auf.

Als dann der Schaffner kam, und sich mit dem einen Ticket der Dame nicht auskannte, sah ich meine Chance! - Jetzt konnte ich übersetzen (und vermeiden dass der Schaffner sein allzu schlechtes Englisch, das in dieser bekannten Bahn in Österreich zu gern verwendet wird, benützt). Fehlanzeige. Ihm war's gleich (oder er wollte sich nicht blamieren) und er ging.

Nun war's aber so weit: mein Handyinternet gab den Geist auf, und mein Englisch tat's ebenso (= ich verstand ein Wort nicht). Einmal zu meiner Nachbarin gewandt fragte ich ganz lieb, ob sie mir weiterhelfen könne, was das heiße. Sie erklärte es mir. Dankeschön, und noch ein erklärendes "my internet is not working, we're right in the middle of nowhere" (Entschuldigung an die Niederösterreicher!), und schon war das Gespräch wieder vorbei.

Beim Ausstieg lächelte mich die junge Frau noch mal an und sagte "Bye, and good luck with your studies!".
Ach, wie gern hätte ich mich mit ihr unterhalten. Ihre Geschichten kennengelernt. Ihnen etwas von Österreich erzählt. Einfach mich mal nett mit Fremden unterhalten. Jeden Tag gibt es so viele Situationen, in denen man Menschen trifft, zu denen man keinen Kontakt hat, mit denen man "aneinander vorbei lebt".
Ein nettes Wort finden, ein Lächeln schenken. Und sich nicht mehr so fremd sein.



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